Darf ich bitten?#4

Auslandsadoption in Russland – Charlotte berichtet

Heute hat sich die liebe Charlotte vom Blog „Charlottes Adoptionsblog“ bereit erklärt meine Fragen zu beantworten. Charlotte und ihr Mann haben zwei Kinder aus Russland adoptiert. Auf ihrem Blog berichtet sie rückblickend, in Tagebuchform, von ihren Erlebnissen und Empfindungen während des Adoptionsprozesses und von ihrem Leben als Familie nach der erfolgreichen Adoption.

Russland, Auslandsadoption

  1. Warum habt ihr Euch für eine Adoption entschieden?

Bevor wir uns zum Schritt der Adoption entschlossen, hatten zuvor Jahre der Behandlung in einem der vielen Kinderwunschzentren, gescheiterte Versuche künstlicher Befruchtung, zwei Schwangerschaften und zwei Fehlgeburten hinter uns gelegen. Nach der zweiten Fehlgeburt war uns klar: Dies war der falsche Weg für uns. Das Schicksal wollte es, dass wir den richtigen Impuls zur richtigen Zeit bekamen: Immer häufiger begegnete uns die Idee der Adoption eines Kindes. Es tat gut, zu lernen, dass es auch andere Wege gibt, unseren Kinderwunsch zu erfüllen. Wir fühlten uns in der Gestaltung unserer Zukunft als Familie wieder autonom und unabhängig. Und die Adoption eines Kindes erschien uns in dem Bewusstsein sinnvoll, dass es so viele Kinder auf der Welt gibt, die nach fürsorglichen Eltern und einem Zuhause suchen.

2. Welche Form der Adoption liegt bei Euch vor?

Da wir wussten, dass unsere Chancen auf eine Säuglingsadoption im Inland schlecht standen, konzentrierten wir uns sehr schnell auf die Adoption eines Kindes aus dem Ausland. Unterschiedliche Faktoren leiteten unsere Länderwahl. Wir wollten eine gesicherte Rechtslage für das Verfahren, da wir es vor unserem Gewissen und unserem zukünftigen Kind nur verantworten konnten, auf legalem Wege zu adoptieren. Wir wünschten uns einen zeitlich überschaubaren Adoptionsprozess, da wir nicht mehr bereit waren, uns auf eine lange, zähe und ungewisse Wartezeit von mehreren Jahren einzulassen. Wir trauten uns nicht zu, die Adoption im Ausland auf eigene Faust durchzuführen, sondern wollten uns von einer etablierten Vermittlungseinrichtung helfen lassen. Und schließlich sollte das Herkunftsland unseres Kindes eines sein, zu dem wir in irgendeiner Form selbst eine emotionale Beziehung aufbauen konnten. Russland erfüllte all diese Kriterien für uns.

3. Wie hat Euer Umfeld auf Euer Vorhaben reagiert?

Bis der Überprüfungsprozess abgeschlossen war, hatten wir niemanden in unserem Umfeld eingeweiht, genauso wie wir die vorangegangene Kinderwunschbehandlung für uns behalten hatten. Das war etwas, was nur meinen Mann und mich etwas anging. Als wir mit Vorliegen des Sozialberichts anfingen, unsere Familien und Freunde einzuweihen, sind wir meist Freude und Bewunderung begegnet. Mit viel Anerkennung für den Mut, den wir aufbrachten, um uns unseren Wunsch, eine Familie zu gründen, zu erfüllen. 

4. Wie habt ihr das Adoptionsverfahren erlebt?

Der Überprüfungsprozess in Deutschland verlief zügig und schnell. Es war spannend, auf der einen Seite sich viel mit dem möglichen Herkunftsland unseres Kindes zu beschäftigen, auf der anderen Seite noch einmal viel über uns selbst – wie wurden wir erzogen, welche Werte spielen in unserem Leben eine wichtige Rolle, etc. – und auch über uns als Paar zu lernen und uns bewusst zu machen. Der weitere Prozess in Russland, nachdem wir unseren ersten Kindervorschlag erhalten hatten, war rückblickend ein riesiges Abenteuer, das oft sehr nervenaufreibend und anstrengend, aber genauso auch spannend und interessant war. Währenddessen haben wir oft gesagt, das machen wir kein zweites Mal. Heute würden wir es immer wieder tun. 

5. Was habt ihr als größte Belastung, was als größte Freude während des Adoptionsverfahrens empfunden?

Die niederschmetterndste Erfahrung war das Scheitern des Adoptionsprozesses um unseren ersten Sohn. Das war wie eine erneute Fehlgeburt. Die größte Freude war der Rückflug am Ende unseres Adoptionsprozesses mit unseren zwei Kindern aus Moskau. So fühlt sich Glück an!

6. Wie lange habt ihr auf den besagten Anruf gewartet? Was waren Eure Gedanken und Gefühle als das Telefon klingelte?

In unserem Fall kam eine email von der Vermittlungsagentur, ungefähr sechs Wochen, nachdem wir unsere Papiere abgegeben hatten: „Wir haben einen Kindervorschlag für sie.“ Eine Woche später sind wir zum ersten Mal nach Russland geflogen. Ehrlich gesagt blieb da nicht viel Zeit für Gefühle, zumal wir auch keine Informationen zu dem Kind hatten. Das war im Nachhinein sehr gut, denn so mussten wir völlig offen bleiben und uns einfach auf das einlassen, was uns dann in Russland erwartete. Es gab keinen Platz für falsche Hoffnungen und Erwartungen. 

7. Wie habt ihr die Wartezeit verbracht? Welche Gefühle waren währenddessen am präsentesten?

Es waren für uns keine „BitteWarten-Momente“, sondern vielmehr „UnsereletztenMale“-Momente. Bevor dann ganz viele Momente der neuen „ersten Male“ kommen würden. Wir haben bewusst ganz viele Dinge getan, von denen wir wussten, dass wir sie mit Kindern nicht mehr so schnell tun werden können: Viele Urlaube, viele Wochenendreisen, viele Freunde besuchen, viel Essen gehen, viel ins Theater gehen, viele Ausstellungen besuchen,…. Viel unternehmen, um eben nicht zu warten. 

8. Was war Eure erste Anschaffung für Euer Kind? 

Handpupppen, um damit im Kinderheim zu spielen.

9. War es Liebe auf den ersten oder auf den zweiten Blick?

Ich glaube nicht an Liebe auf den ersten Blick, erst recht nicht bei einer Adoption. Die so oft beschriebene „Adoptionsromantik“ – „Das ist mein Kind!“ – blieb bei uns aus. Dennoch: Von der ersten Begegnung mit unseren Kindern an, waren wir tief beeindruckt von jedem der beiden Kinder, das jedes auf seine Art so einzigartig war und ist. Schon bei der ersten Begegnung keimte ein zartes Gefühl von Zuneigung und elterlichen Fürsorge in uns auf. Vom ersten Moment an waren wir überzeugt, dass wir sie annehmen und lieben, mit ihnen eine Familie werden können.

10. Habt ihr Kontakt zu den leiblichen Eltern Eures Kindes? Wie nennt ihr die leibliche Mutter/ den leiblichen Vater?

Nein, das russische Adoptionsverfahren sieht keinen Kontakt mit den leiblichen Eltern vor. Doch werden wir unsere Kinder darin unterstützen, ihre leiblichen Eltern zu finden, wenn sie das irgendwann einmal möchten. Im täglichen Umgang nennen wir ihre russischen Eltern bei ihren Vornamen. 

11. Habt oder hattet ihr „BitteNicht“ –Momente? Wenn ja, welche?

Oh ja, viele! Einen BitteNicht-Moment nehmen wir inzwischen mit großer Gelassenheit: 

Unsere Kinder waren noch nicht einmal drei und gerade etwas über ein Jahr alt, als sie von Russland nach Deutschland kamen. Beide sprachen nicht, weder Deutsch, noch sonst irgendeine Sprache, lernten dann aber irgendwann schnell. Doch bis heute – unsere Adoption ist mittlerweile ein paar Jahre her – müssen wir uns immer noch die Frage gefallen lassen: „Und, sprechen sie schon richtig Deutsch?“

12. In welchen Alltagsmomenten zeigt sich, dass ihr eine besondere Familie seid? Seid ihr das überhaupt?

Ja, ich bin davon überzeugt, dass wir eine besondere Familie sind. Deshalb heißt mein Blog auch „Anders Mutter werden, anders Mutter sein….“ (www.charlottesadoptionsblog.com) Das zeigt sich für uns in zu vielen Alltagsmomenten, um sie hier aufzuschreiben. Und ich habe lange gebraucht, um dies zu verstehen und zu akzeptieren. Meist sind es die emotionalen Amplitudenausschläge, wie wir sie nennen, an denen wir merken, dass wir als Familie, als Eltern und Kinder, einfach anders sind.

13. Habt ihr ein Adoptions- oder Pflegebuch für Eure Kinder angelegt? Was ist Inhalt? Wie nutzen Eure Kinder das Buch?

Nein, so wie es die Fachliteratur empfiehlt, haben wir kein Buch angelegt. Wir haben für beide Kinder eine Adoptionskiste mit allen Dingen und Informationen, die wir über ihr Leben, bevor sie zu uns kamen, sammeln konnten. Die werden sie irgendwann einmal bekommen. Daneben schreiben wir Tagebuch über ihr Leben, mit allem was so passiert und was wir für wichtig und erinnerungswürdig halten. 

14. Habt ihr Euch auf die Adoption vorbereitet? Wenn ja, wie?

Ja, wir haben uns recht intensiv auf die Adoption vorbereitet. Wir haben Seminare besucht und ich habe fast schon zu viel Fachliteratur gelesen. So viel, dass ich irgendwann zu meinem Mann gesagt habe: „Ich muss jetzt einmal etwas über „normale Kindesentwicklung“ lesen.“ Zum einen war diese intensive Vorbereitung im Rahmen des russischen Adoptionsverfahrens gefordert, zum anderen half es uns, ein recht gutes Bild zu bekommen, auf was wir uns einlassen und mit welchen Risiken wir konfrontiert sein könnten. Wir haben das auch bis heute weiter fortgesetzt. Ich lese nach wie vor viel Fachliteratur, wir besuchen weiter Seminare und Supervisionen zusammen und pflegen einen intensiven Austausch mit anderen Adoptivfamilien. Natürlich haben wir somit keine Garantie auf den perfekten Umgang mit unseren Kindern – und die in der Literatur beschriebene Theorie ist häufig meiner Meinung nach zu kurz gesprungen oder zu sehr pauschalisiert -, doch glaube ich schon, dass wir so mit mehr Ruhe und Gelassenheit mit Problemen umzugehen gelernt haben, als wenn wir uns nicht so viel und intensiv mit der Theorie auseinandergesetzt hätten. 

15. Welche Tipps könnt ihr Adoptionsbewerbern und werdenden Adoptiveltern mit auf den Weg geben?

Mit Blick auf den Adoptionsprozess seid bedingungslos ehrlich zu Euch selbst und zu Eurem Partner. Kennt Eure Grenzen, was ihr Euch zutraut und was nicht. Die ehrlichste Antwort ist immer ein „NEIN“, so hart das klingt. Aber das muss man sich selbst eben zu gestehen. Eine Adoption hat keinen Platz für Kompromisse. 

Verliert nie den Glauben an Euch selbst und an Euren Weg, eine Familie zu werden! Er ist großartig und bewundernswert. Und alles, was dieser Weg bereithält, bis das Kind dann endlich da ist, ist so wichtig, um vorbereitet zu sein, auf das, was dann folgt. Denn als Adoptiveltern braucht es unendlich viel Geduld, Gelassenheit, grenzenlosen Mut und Kraft, für sein Kind, sich selbst und seinen eigenen Weg einzustehen. 

Liebe Charlotte,

tausend Dank für Deine tollen Zeilen. Ich wünsche Euch Vieren alles Liebe und Gute!!

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