Kennenlernzeit

Die Zeit mit BabyBitte hat sich jetzt mit ein bisschen zeitlichem Abstand wirklich verändert. Als ich sie die ersten Tage auf dem Arm hielt, spürte ich von Anfang an große Zuneigung und ganz viel Kuschelgefühl. Ich habe meine Wangen an ihren Kopf gelegt, wenn sie bei mir auf der Brust lag, habe sie gestreichelt und viel gehalten. Aber es gab immer noch einen gewissen Abstand, den ich gewahrt habe. Ich bin im Umgang mit Kindern und Babys was Knutschreien angeht sehr zurückhaltend. Ich empfinde es schnell als übergriffig, wenn man kleine Kinder oder Babys, die nicht die eigenen sind, einfach so küsst. Erst nach ein paar Tagen habe ich mich gewagt, sie auf den Kopf zu küssen. Von Tag zu Tag merkte ich, wie intensiv die Gefühle zu ihr wurden. Noch während BabyBitte im Krankenhaus lag, war dann für HerrnBitte und mich emotional klar: Das ist unser Baby. Wir würden für sie Alles tun und sie mit Allem, was wir haben beschützen!

Heute kann ich gar nicht genug von ihr bekommen. Ich knutsche sie jede freie Sekunde auf ihre wundervollen Pausbäckchen und knuddel und drücke sie. Ich wette, wenn sie könnte, würde sie manchmal die Augen verdrehen von der ganzen Knutscherei. Täglich habe ich das Gefühl, dass die Liebe zu ihr nicht intensiver werden kann, um dann am nächsten Tag festzustellen, dass wir uns doch wieder ein Stückchen näher kennengelernt haben und die Gefühle größer geworden sind. HerrnBitte geht es ganz ähnlich. „Schau mal, wie sie Dich anschaut!“, „Wie süß sie ist!“, „Sie hat genießt, wie knuffig!“ Jeden Tag schauen wir uns dieses Wunderwesen an und freuen uns darüber, dass wir so ein tolles Mädchen anvertraut bekommen haben. Wenn wir uns noch vor ein paar Monaten heute sprechen gehört hätten, hätten wir uns vermutlich für völlig Banane gehalten. Aber ich glaube, so ist das als Eltern, oder? Wir sind es wirklich!!!

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Zwei neue Mitbewohner

Nicht nur BabyBitte ist vor einiger Zeit bei uns eingezogen. Sie hat ein kleines Anhängsel, dass es sich auch versucht hier in unserer Wohnung gemütlich zu machen: FräuleinSorge!

Ich erinnere mich an die vielen NeuMamas, die ich in den letzten Jahren mitbekommen habe und die vielen Male, die ich innerlich die Augen verdreht habe, ob der Gedanken, die sie sich machten. Geht es dem Baby gut? Hat es BauchwehHungerBlähungenVerstopfungKopfschmerzenEtwasgebrochen? Oh mein Gott, DAS hat es noch nie gemacht, jetzt ist es wirklich schlimm.

Und wisst ihr was? Ich hätte es nie für möglich gehalten, aber ich hab auch schon so Tendenzen! Da kommt so ein kleines Menschlein zu uns, ist völlig hilflos und komplett auf uns angewiesen. Ein Menschlein, das wir so sehr lieben und dem wir nichts sehnlicher wünschen, als dass es ihm gut geht. Und plötzlich sprudeln diese Gedanken einfach so aus mir raus: Was ist, wenn sie krank wird? Warum weint sie denn so? Hat sie Schmerzen? Entwickelt sie sich gut? Was macht sie da für ein Geräusch? Was hat das zu bedeuten?

Und dann, kurz bevor Fräulein Sorge hier in der Bude ihre Koffer auspackt, um sich häuslich einzurichten, ziehe ich die Notbremse und erinnere mich an all die Dinge, die ich damals den NeuMamas gesagt habe. Ich stelle mir vor, wie ich als meine Freundin mit mir am Kaffeetisch sitze und mir beruhigend zuspreche…wobei so ein Zwiegespräch auch schon mal ziemlich deutlich werden kann: „Jetzt reiß Dich aber mal zusammen, verflixte Hacke!“ Aber wenn FrauBitte2.0 geht, nimmt sie FräuleinSorge in der Regel mit…bis zum nächsten Tag oder der nächsten Schreiattacke…je nach dem!

♥BabyBitte♥

Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen, am Vortag haben wir den Anruf bekommen und hatten das Gespräch mit den Jugendamtsmitarbeiterinnen. Heute dürfen wir BabyBitte kennenlernen.

Wir fahren morgens zum Krankenhaus und treffen uns dort mit der Jugendamtsmitarbeiterin. Gemeinsam gehen wir zur Station auf der BabyBitte liegt. Die diensthabende Ärztin erzählt uns ein bisschen über die Geburt und die Entwicklung der Kleinen. Ich kann mich kaum konzentrieren und will einfach nur ganz schnell zu ihr. Dann dürfen wir endlich in das Zimmer, in dem BabyBitte liegt. Ich kann nicht in Worte fassen, welche Gefühle ich verspüre, als wir das kleine Menschlein zum ersten Mal sehen. Es sind so unglaublich viele Gefühle, dass ich sie nur schwer einzeln benennen kann: Glück, Unglaube, Freude, Sorge, Liebe, Angst. So klein liegt sie dort in ihrem Bettchen und schläft ganz friedlich. Wir dürfen sie schon auf den Arm nehmen und machen unser erstes Familienfoto. Sie ist so wunderschön, ganz zart mit einem kleinen Stupsnäschen und kleinen Pausbäckchen…und sie riecht so gut, viel besser als ich mir jemals hätte vorstellen können. HerrBitte und ich sind sofort verliebt. Die Frau vom Jugendamt lässt uns alleine und sagt uns, dass wir eine Nacht über alles schlafen sollen, um eine Entscheidung zu treffen und sie morgen anrufen sollen. Für HerrnBitte und mich ist in all dem Gefühlschaos und der emotionalen Überladung jedoch sofort klar: Dieses kleine Menschlein ist unser BabyBitte, wir brauchen keine Sekunde mehr darüber schlafen…die Entscheidung ist längst gefallen.

Vom Spagat

Mir stellt sich häufig die Frage, ob der pädagogische Umgang mit einem Adoptivkind ein anderer ist, als mit einem leiblichen Kind.

In Büchern und Ratgebern heißt es, dass es ganz wichtig sei, die Bindung zum Kind aufzubauen. Dies bedeutet: Viel Tragen, viel Körperkontakt, viel Verlässlichkeit…das Urvertrauen aufbauen. So sollen in den ersten Wochen nur möglichst wenig Besuche stattfinden und erst recht keine Willkommensparties. BabyBitte soll sich eingewöhnen, sich an unseren Geruch gewöhnen, an unsere Stimmen und unsere Tagesabläufe. Es soll lernen, dass nur wir Zwei, HerrBitte und ich, seine Bezugspersonen sind. Viele Kontakte, viel Herumreichen seien da störend, insbesondere, wenn BabyBitte schon mehrere Beziehungsabbrüche erlebt hat.

Das erschließt sich mir auch komplett. Gleichzeitig frage ich mich, ob ich das tatsächlich so auch bei einem leiblichen Kind machen würde? Höchstwahrscheinlich nicht…so richtig gleich, scheint der Umgang nicht zu sein. Doch gelten diese Unterschiede nur für die Anbahnungsphase, also nur für die erste Zeit, oder wird unsere Situation immer eine Spezielle sein?

Wie bekomme ich den Spagat hin, gut auf mein Kind und seine speziellen Bedürfnisse achtzugeben und nicht gleichzeitig zu einer kompletten Überglucke zu mutieren, die bei jedem Pups schon völlig hysterisch wird? Besuche sind erlaubt ab dem dritten Monat und dann bitte nur von 16-18 Uhr, getragen werden darf BabyBitte ausschließlich von für qualifiziert befundenen Personen, „Aaaahhh, bitte seid nicht soooo laut.“, an den speziellen Babypopo darf nur die Creme XY und vom Thema Essen und Schlafen fangen wir gar nicht erst an…Nee, nee, so möchte ich nicht leben.

…also doch der Spagat!