Von Indiskretionen und davon, wie ich lernen muss mal nicht nett zu sein!

Ich bin in der Regel ein harmoniebedürftiger und toleranter Mensch. Ich diskutiere und streite gerne, aber nur mit Menschen, die mir wirklich nahe stehen. Bei allen anderen halte ich mich eher zurück und binde nicht jedem meine Meinung auf die Nase. Manchmal mache ich es mir damit vielleicht zu einfach und gehe den bequemen Weg.

In der letzten Zeit häufen sich jedoch die Situationen, in denen ich wirklich lernen muss, mal auf die K*cke zu hauen: Wir erzählen unseren Nachbarn, dass wir bald zu Dritt sind, weil wir ein kleines Mädchen zur Adoption vermittelt bekommen haben. Die erste Frage lautet: „Also, es ist vielleicht ein bisschen indiskret, aber: Klappt es bei Euch anders nicht?“ Ich merke, wie ich beginne mich unwohl zu fühlen und trotzdem denke ich „Naja, sie hat ja nett gefragt“ oder „Ist ja klar, dass sie interessiert sind an unseren Gründen“ und antworte ganz nett und angepasst „Nein, leider nicht!“.

Erst als HerrnBitte die Hutschnur platzt wegen dieser doofen Frage, bemerke ich, dass ich die Frage auch ziemlich unangemessen fand.

Selber feststellen, dass die Frage indiskret ist und sie dennoch stellen?! Mmh!

Wie gerne hätte ich authentisch reagiert und die Frage ignoriert oder geantwortet: „Richtig, die Frage ist indiskret!“ oder „Die Frage überhöre ich jetzt einfach“ oder oder oder.

Ich denke, um mir selber treu zu bleiben, muss ich lernen auch mal unangepasst oder unfreundlich zu reagieren…leicht fällt mir das nicht. Aber wahrscheinlich werde ich mit der ganzen Adoptionsgeschichte viel Stoff zum Üben haben.

Advertisements

17 Gedanken zu “Von Indiskretionen und davon, wie ich lernen muss mal nicht nett zu sein!

  1. Mir wäre in der Situation auch kein passender Spruch eingefallen, wahrscheinlich auch erst hinterher…aber ich beobachte in letzter Zeit, dass viele Menschen ala Bild-Manier sich zu solchen indiskreten Fragen hinreißen lassen. Klar, muss man immer differenzieren, wer das fragt. Bei einer guten Freundin würde ich anders reagieren als beim Nachbarn.

    Gefällt 1 Person

  2. Alexandra schreibt:

    Hallo!

    Das gehört leider dazu. Ich fand das eigentlich nicht ungewöhnlich, denn das ist die erste Frage, die jedem zum Thema Adoption einfällt.
    Aber der überwiegende Teil, kann sich das denken und fragt nicht. Bei mir hat keine andere Mutter im Pekipkurs oder sonst wo das gefragt. Jeder Frau in meiner Umgebung war klar, dass die Frage überflüssig ist. Da sich aber viele in der selben Situation befinden, es werden in meinem Umkreis immer mehr, bei denen es nicht klappt, gab es auch wirklich interessierte Nachfragen. Wo, wie oft, was habt ihr gemacht? Und vor allem: wie klappte es dann mit der Adoption?
    Blöd fand ich ältere Menschen, die dann sagten: Aber Eigene wären doch auch schön!
    Das hab ich zweimal gesagt bekommen.
    Und ich hab darauf geantwortet:
    „Nein, denn so toll, hätten unsere Gene das nie hinbekommen.“
    Ich habe die Unfruchtbarkeit nie als Makel empfunden sondern als Explosion des Schicksals, um unser Kind zu bekommen.
    Und wenn mich einer fragen würde, ob ich mir eigene wünschen würde, hat bislang noch keiner, würde ich definitiv nein sagen.
    Ich bin so glücklich mit unserem Kind, besser geht es nicht, auch nicht mit einem Eigenen, mehr Liebe und Glücksgefühl geht nicht.

    Du solltest dir das nicht zu Herzen nehmen. Es gibt Menschen, die sind aus purer Neugier indiskret. Und meistens wollen solche Menschen sich durch das Leid anderer besser fühlen.
    Mein Vater war mal lebensgefährlich erkrankt und es stand auf der Kippe, ob er es überlebt. Zum Glück nur für 10 Tage aber in dieser Zeit wurde ich beim Bäcker von jemanden gefragt, ob es stimmt, dass er gestorben ist. Diejenige hat gewusst oder gehofft (?), dass er gerade erst gestorben sein konnte, wenn es denn stimmte, als sie mich fragte. Die wollte sich auch nur an dem Unglück anderer weiden.
    Der Bäcker war gut besucht (Dorf, nur ein Bäcker) und alle anderen haben nach Luft geschnappt und sofort gegen die Frau gegiftet .

    Also Kopf hoch und durch! Solche Fragen wirst du nur ganz selten hören und wenn du dann dem Fragenden zu merken gibst, dass bei euch keine Trauer ist sondern pure gute Laune, weil ihr so ein Glück gehabt habt mit eurem Kind, dann kann er oder sie sich nicht daran aufbauen, dass es anderen schlecht geht.

    LG

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Alexandra, ach ja, das ist schon verrückt alles…vielleicht werde ich mich auch einfach dran gewöhnen müssen. Wahrscheinlich entwickelt man mit der Zeit so seine Art damit unzugehen…ich bin gespannt😉GLG

      Gefällt mir

  3. S schreibt:

    Hallo,
    Ich wurde gefragt von einer anderen Mutter (alle unsere Kinder waren Ca 6 Monate) als sie erfuhren dass unsere Tochter adoptiert ist ob wir keine eigenen Kinder wollten. Ich sagte: „ja, ich will mir schließlich meinen Traumbody nicht ruinieren“… Die Situation war irgendwie seltsam und bizarr… Die Frau jammerte vorher weil sie mit 38 zu schnell mit dem 2. Kind schwanger wurde… Das war mir zu viel Luxus Problem… Meide die Frau heute… Das hält sie aber nicht davon ab anderen Leuten zu erzählen dass unsere Tochter adoptiert ist… Vor allem wenn die Kinder ganz klein sind kommen die Fragen sehr oft da die Themen Geburt und Schwangerschaft noch so aktuell in den Köpfen sind… Manchmal konnte ich nicht verhindern dass Leute erfahren haben dass unser Kind adoptiert ist weil wir eben ganz plötzlich ein Kind hatten… Ohne Schwangerschaft und Bauch etc… Wir wollen nicht dass unser Kind stigmatisiert wird. Grundsätzlich läuft es sehr gut. Außerdem: Kaum einer glaubt dass unser Kind adoptiert ist da sie mir so unglaublich ähnlich sieht. Selbst diejenigen die es wissen sagen oft: kaum zu glauben… Sie ist eben unsere Tochter 😊😊. Wir könnten nicht glücklicher sein. 😍

    Gefällt 1 Person

  4. Liebe Frau Bitte,

    Alexandra hat mir aus der Seele gesprochen. Welch wunderbarer wahrer Kommentar! Und großartig die Antwort „Nee, so toll hätten wir das mit unseren Genen nie hinbekommen.“ (Ich habe das selbst inzwischen auch so ähnlich zu meinem Leitsatz gemacht. „Mit biologischer Abstammung habe ich es nicht so.“ Ich finde es viel spannender, dass in unserer Familie vier Menschen zusammengewachsen sind, deren Gene nichts miteinander zu tun haben.-Mit Ausnahme unser Kinder, die zumindest 50% Gene teilen.)
    Dich möchte ich an dieser Stelle ermutigen, wirklich ungemütlich zu werden. Nicht zuletzt um Baby Bitte zu schützen. Es werden noch viele „indiskrete“ Fragen oder Kommentare kommen. Das ist leider so. Und solange sich Baby Bitte nicht selbst wehren kann, musst Du das für sie tun. Das muss auch nicht immer unmittelbar etwas mit der Adoption zu tun. Ich hatte zum Beispiel erst neulich den Klassiker: Nadeschda hat ja nun tolle blonde Haare. Wir waren im Supermarkt und haben eine entfernte Bekannte getroffen, die die Kinder ewig nicht gesehen hatte. Die Bekannte streichelte Nadeschda bei der Begrüßung über den Kopf. Nadeschda zuckte weg und guckte mich etwas hilflos an. Die Bekannte zu Nadeschda: „Oh magst Du das nicht?“ Ich zu der Bekannten:“Naja, Dir würde es ja auch nicht gefallen, wenn Dir jemand „fremdes“ einfach so im Supermarkt über die Haare streicht.“ Ein dankbarer Blick meiner Tochter, ein irritierter von der Bekannten. Aber sie hat es dann verstanden. Ein völlig banales Beispiel. Aber für mich zeigt es so schön, wie wir uns und unsere Kinder schützen müssen. Und ja, dabei müssen wir auch manchmal nicht nett sein! Neben den Fragen und Kommentaren, die in irgendeiner Form an den unerfüllten Kinderwunsch andocken, bei denen wir unmittelbar selbst als Person uns betroffen und vielleicht auch angegriffen fühlen, müssen wir lernen unbequem und direkt zu werden. Als Mutter und als Adoptivmutter erst recht!
    Liebe Grüße Charlotte

    Gefällt 1 Person

  5. Puh. Böses Thema. Geht mir nahezu täglich so, wenn die Frage kommt „und, wann ist es bei euch soweit?“ oder „und, wollt ihr denn sicher auch bald Kinder, oder?“….
    Naja, ein gestammeltes „Ach, wir haben doch noch Zeit, wir genießen unser Leben“, das bringt null…
    Ich sollte echt einfach gegen Fragen: „Und, wie war der Stuhlgang heute Morgen?“ 😛

    Gefällt 2 Personen

  6. Ach, das ewige Fingerspitzengefühl – wäre noch schön wenn manche Menschen etwas mehr davon abgekriegt hätten, ha!
    interessanterweise werde ich hier in Kenia relativ wenig mit solchen komischen Fragen konfrontiert. Aber ich bin mal gespannt wie es wird wenn wir das erste Mal in meinem Umfeld in der Schweiz aufkreuzen werden … ich finde auch, wie es Charlotteweiss und Alexandra sagen: Unbedingt unsere Kinder schützen, nur um die Tratschlust anderer zu sättigen gebe ich keine Info heraus. Wunderbare Reaktion von Charlotte zum Thema „wenn fremde Person dem Kind über die Haare streicht…..“ meine Tochter hätte genau SO reagiert wie Nadeschda.
    und Apropos „klappts nicht mit eigenen?“ Hey, meine geliebte Tochter IST GANZ UND GAR MEINE EIGENE – die absolut BESTE!

    Gefällt 1 Person

    • Liebe MamboLeo,

      das ist ne super Antwort…denn genauso fühlt es sich an: Wie ganz und gar mit Haut und Haaren meine Tochter😍Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Gefühle für ein leibliches Kind intensiver wären.
      Ich hoffe, es geht Euch gut! Habt ihr vor in die Schweiz zu ziehen oder wollt ihr in Kenia bleiben?
      Ganz liebe Grüße

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s