Darf ich bitten?! #2

Ano – Eine Pflegefamilie erzählt

Nachdem MamboLeo  vor einigen Wochen meine neue Rubrik eingeleitet hat, darf ich heute die liebe Ano zum Interview bitten. Ano und ihr Mann haben vor einiger Zeit ein Pflegekind bei sich aufgenommen und die beiden haben sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu beantworten. Vielen Dank für Eure Zeit und Eure Offenheit!!

Ano Pflegefamilie

  1. Warum habt ihr Euch für ein Pflegekind entschieden?

Den Wunsch hatten wir schon ganz zu Beginn unserer Ehe. Wir lieben Kinder! Ihnen diese Liebe weiterzugeben und sie auf dem Weg zu selbständigen, angenommenen, zufriedenen Menschen zu begleiten ist uns ein Herzensanliegen. „Geplant“ waren erst leibliche Kinder und dann Pflegekinder. Jetzt ist unser erstes Kind ein Pflegekind.

  1. Wie hat Euer Umfeld auf Euer Vorhaben reagiert?

Wir haben im Voraus nur unsere enge Familie und ganz wenige Freunde eingeweiht. Sie fanden die Entscheidung mutig und haben uns unterstützt und sich sehr mit uns gefreut. Umso überraschender war es dann für alle anderen, als das Zwergenkind plötzlich da war.

  1. Welche Form der Adoption/Pflege liegt bei Euch vor?

Dauerpflege

  1. Wie habt ihr das Bewerberverfahren erlebt?

Wir haben im Jugendamt und beim Bewerberseminar unglaublich kompetente und freundliche Menschen getroffen. Die Hausbesuche mit intensiven Gesprächen waren z.T. sehr intim und wir haben eine Menge ausgepackt – aber ich finde, das ist berechtigt. Spannend waren für uns vor allem Fragen wie z.B. „Was glauben Sie, schätzen Kinder an Ihrem Partner?“ „Wo liegen die Stärken Ihres Partners?“ Vorher haben wir (getrennt voneinander) schon mal vergleichbare Fragebögen aus dem Internet beantwortet und uns darüber ausgetauscht. So waren bestimmte Dinge schon für uns beide klar, das hat uns Sicherheit gegeben. Im Bewerberseminar wurde Klartext gesprochen. Ein Pflegekind aufzunehmen bedeutet eine andere Belastung als eigene Kinder aufzuziehen. Jedes Kind, auch wenn es „nur“ von der Mutter getrennt wurde und keine sichtbaren Verletzungen zeigt, ist traumatisiert. Der sogenannte „Rucksack“, den jedes Kind mit sich trägt, wird oft erst im Laufe der Jahre ausgepackt. Hierfür ist das Wissen z.B. über Bindung(stheorien) sehr hilfreich – um mal einen Themenbereich des Seminars anzusprechen. Allein der Gedanke „Wir haben noch ein Kinderzimmer frei“, „Mein Kind soll Geschwister haben“ oder „Ich will unbedingt ein Kind“ sollten keine Motivation für die Aufnahme eines Pflegekindes sein. Einige Themen waren uns aufgrund unseres beruflichen Hintergrundes schon bekannt, aber dennoch sehr wichtig, andere ganz neu.

  1. Was habt ihr als größte Belastung, was als größte Freude während des Pflegeverfahrens empfunden?

Belastung: –

Freude: Der durchweg positive Zuspruch zu unserer Entscheidung von Seiten des Jugendamts und ganz klar: der 1. Abend zu dritt!

  1. Wie habt ihr die Wartezeit verbracht? Welche Gefühle waren währenddessen am präsentesten?

Wir haben nichts außergewöhnliches angestellt und versucht in der Gegenwart zu leben, Dinge noch mal zu zweit zu genießen und ab und an zu träumen von dem Zwergenkind, das wohl kommen könnte. Im Vordergrund stand die Vorfreude aber auch die Spannung, was für ein Kind zu uns kommen würde.

  1. Wie lange habt ihr auf den besagten Anruf gewartet? Was waren Eure Gedanken und Gefühle als das Telefon klingelte?

Es waren gut 3 Monate… und die Nachricht ist immer noch auf dem Anrufbeantworter. Auf einmal fängt alles an zu kribbeln und das Herzklopfen beginnt. Da ich innerhalb weniger Tage aufgehört habe zu arbeiten, gab es neben der riesen Vorfreude noch unglaublich viel zu klären und zu organisieren.

  1. Was war Eure erste Anschaffung für Euer Kind?

Es vergingen nur wenige Tage vom Anruf bis zum Einzug, deshalb war Power-Shoppen angesagt: Flaschen, Nahrung, etwas Kleidung, ein Kinderbett und einen Kinderwagen. Viele Dinge haben wir uns von Freunden geliehen.

  1. War es Liebe auf den ersten oder auf den zweiten Blick?

Auf den ersten! Aber die Liebe wird jeden Tag stärker und tiefer!

  1. Habt ihr Kontakt zu den leiblichen Eltern Eures Kindes? Wie nennt ihr die leibliche Mutter/ den leiblichen Vater?

Ja, wir treffen ein Elternteil monatlich. Für das Zwergenkind ist es „MamaVorname“.

  1. Habt oder hattet ihr „BitteNicht“ –Momente? Wenn ja, welche?

In den letzten Jahren der Kinderwunschzeit gab`s so einige… und seit wir Pflegeeltern sind eher z u intime Fragen zur Vergangenheit des Zwergenkindes.

Ach doch, es gibt Leute, die versuchen aus jeder Situation das Optimum herauszuholen: „Mensch, hast du ein Glück: du hast ein Baby und kannst trotzdem Alkohol trinken!“ Uuurgs!

Oder auch: „Ein Pflegekind? Seid ihr sicher? Und wenn euch das wieder weggenommen wird? Ich könnte das ja nicht!“

  1. In welchen Alltagsmomenten zeigt sich, dass ihr eine besondere Familie seid? Seid ihr das überhaupt?

Wir finden uns natürlich besonders toll ;-)!

  1. Habt ihr ein Adoptions- oder Pflegebuch für Euer Kind angelegt? Was ist Inhalt? Wie nutzt Euer Kind das Buch?

Wir haben ein Pflegebuch, in dem einiges über die leiblichen Eltern und die Situation vor der Pflegschaft eingetragen werden kann. Bislang steht da noch nicht viel drin, es wird sich in den nächsten Monaten und Jahren füllen.

Ich habe ein Fotoalbum angelegt, das auch Bilder der leiblichen Eltern aus der ersten Zeit enthält. Es geht nahtlos über in den „Umzug“ in unsere Familie.

  1. Habt ihr Euch auf die Pflege vorbereitet? Wenn ja, wie?

Siehe 4.

Wir haben viel darüber gesprochen und dafür gebetet.

  1. Welche Tipps könnt ihr Pflegebewerbern und werdenden Pflegeeltern mit auf den Weg geben?
  • Sprecht mit Pflegeeltern und besucht Pflegefamilien! Es ist gut zu wissen, dass man als Pflegeeltern besonders herausgefordert wird – das betrifft nicht nur das Kind selbst, sondern auch den Kontakt mit dem Jugendamt (Sachbearbeiter, Vormund), den leiblichen Eltern, Ärzten oder Personen, die für gerichtliche Entscheidungen zuständig sind. Und noch wichtiger: es ist wunderschön zu sehen, dass im Alltag genau das in den Hintergrund rückt und man das gemeinsame Leben als Familie genießen kann!
  • Seid 100pro ehrlich zueinander und zu euch selbst. Akzeptiert eure eigenen Grenzen und die eures Partners (z.B. mit Blick auf die Vergangenheit oder die Einschränkungen/ Behinderung des Kindes).
  • Seid mutig!
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