Vom Spagat

Mir stellt sich häufig die Frage, ob der pädagogische Umgang mit einem Adoptivkind ein anderer ist, als mit einem leiblichen Kind.

In Büchern und Ratgebern heißt es, dass es ganz wichtig sei, die Bindung zum Kind aufzubauen. Dies bedeutet: Viel Tragen, viel Körperkontakt, viel Verlässlichkeit…das Urvertrauen aufbauen. So sollen in den ersten Wochen nur möglichst wenig Besuche stattfinden und erst recht keine Willkommensparties. BabyBitte soll sich eingewöhnen, sich an unseren Geruch gewöhnen, an unsere Stimmen und unsere Tagesabläufe. Es soll lernen, dass nur wir Zwei, HerrBitte und ich, seine Bezugspersonen sind. Viele Kontakte, viel Herumreichen seien da störend, insbesondere, wenn BabyBitte schon mehrere Beziehungsabbrüche erlebt hat.

Das erschließt sich mir auch komplett. Gleichzeitig frage ich mich, ob ich das tatsächlich so auch bei einem leiblichen Kind machen würde? Höchstwahrscheinlich nicht…so richtig gleich, scheint der Umgang nicht zu sein. Doch gelten diese Unterschiede nur für die Anbahnungsphase, also nur für die erste Zeit, oder wird unsere Situation immer eine Spezielle sein?

Wie bekomme ich den Spagat hin, gut auf mein Kind und seine speziellen Bedürfnisse achtzugeben und nicht gleichzeitig zu einer kompletten Überglucke zu mutieren, die bei jedem Pups schon völlig hysterisch wird? Besuche sind erlaubt ab dem dritten Monat und dann bitte nur von 16-18 Uhr, getragen werden darf BabyBitte ausschließlich von für qualifiziert befundenen Personen, „Aaaahhh, bitte seid nicht soooo laut.“, an den speziellen Babypopo darf nur die Creme XY und vom Thema Essen und Schlafen fangen wir gar nicht erst an…Nee, nee, so möchte ich nicht leben.

…also doch der Spagat!

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15 Gedanken zu “Vom Spagat

  1. Sicher wird es ein Spagat, aber wenn man bedenkt, dass ein Adoptivkind NIE die Nähe der Mutter gleich nach der Geburt fühlen durfte, sondern nur die Kälte seines Bettchens, und nie wusste, wer kommt, wenn es schreit, es war ja immer eine andere Schwester die Schicht hatte, kann ich gut nachvollziehen, warum die Nähe und Bezugspersonen ganz am Anfang die Wichtigsten sind, um dem Kind endlich ein „ich bin angekommen und meine Mama und mein Papa haben mich lieb“ zu geben.

    Ihr schafft das, da bin ich mir sicher!!

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  2. Das stimmt nicht ganz, auch Adoptivkinder können/dürfen die ersten Tage mit ihrer leiblichen Mutter bzw dem Vater verbringen, wenn die leiblichen Eltern sich dies so wünschen, zB um ihre Entscheidung nochmal zu prüfen oder sich in Ruhe zu verabschieden. Trotzdem erfährt das Kind einen Bruch, es hört irgendwann ganz neue Stimmen, erlebt neue Gerüche usw., sodass das Thema Beziehungsaufbau für beide Seiten bei Adoptivkindern sicherlich nochmal schwerer wiegt als bei leiblichen Kindern (denk ich mal). Das war anfangs unsere größte Sorge, eben das wirklich gut hinzubekommen. Wir haben Klein-E anfangs nahezu pausenlos am Körper gehabt, nackig auf der Haut oder getragen im Tragetuch und haben uns trotzdem Sorgen gemacht, ob wir das alles so richtig machen und ob es ausreicht. Und ja, es reicht aus :0) Im Nachhinein kann ich nur sagen, daß sich alles fügt und Kinder doch robuster sind als man anfangs glaubt. Sie machen sich keine Gedanken über gestern oder morgen sondern leben ausschließlich im Jetzt, Tag für Tag. Und wenn man sich das vor Augen hält ist der Berg an Verantwortung, den man für ein Adoptivkind vielleicht umso mehr empfindet, das weiß ich nicht, Tag für Tag und in kleinen Schritten gut zu bewältigen. Mehr als sein Bestes geben kann man sowieso nicht. Aber wichtig fand ich, immer auf das eigene Bauchgefühl zu hören und sich nicht kirre machen zu lassen von all den „perfekten Mamas“, die einem suggerieren wollen, sie hätten die Mütterweisheit mit Löffeln gefressen.
    Ich freu mich drauf, weiter von Dir zu lesen!
    Emma

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    • Uiuiui, das freut mich zu hören. Vielleicht macht man sich wirklich auch zu viele Gedanken. Das Tragen und der Körperkontakt sind sicher gut, das haben wir uns auch vorgenommen.
      Vielen Dank für Deine Tipps und Anregungen.
      GLG, FrauBitte
      PS: Hast Du meine Mail bekommen? Hatte Dir vor ein paar Tagen geschrieben😊

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  3. Unser Pflegekind hatte in den ersten 2 Lebenswochen ständig andere Leute um sich herum und keine richtige Bezugsperson. Bereits sehr früh merkte man, dass sie mehr Liebe brauchte, mehr Zuneigung, Ruhe/Stille ertrug sie kaum- bereits als Säugling nicht. Bis heute hat sie Verlustängste, die mit den Jahren zwar besser geworden sind, aber trotzdem da sind, was mir bei anderen Kindern so noch nicht aufgefallen ist, die eben kein Pflege- oder Adoptivkind sind.
    Es kommt zum einen auf den Charakter des Kindes an und dann wiederum auf das, was es bereits erlebt hat. Wenn dann endlich eine Konstante da ist, wird alles mit der Zeit besser.
    Und ich schrieb in einem eigenen Post schon mal, dass es nicht darauf ankommt, ob man ein Kind selbst zur Welt gebracht hat, sondern was man in den Wochen, Monaten und Jahren für eine Bindung aufbaut.
    Nach der 2. Nacht mit der Püppi war klar, dass sie zu uns gehört und es keine Mauer zwischen uns gab. Da wurde sofort der Mamimodus aktiviert- und ich war 18 zu der Zeit. 😉

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  4. Ich finde es sollte für alle Kinder gelten das man Ihnen erstmal Zeit gibt hier sich einzugewöhnen. Viele Frauen gönnen sich gar keine Wochenbettzeit. kaum aus dem Krankenhaus da geht es schon mit Baby zum einkaufen, zum Arbeitgeber, zur Familienfeier und oft ist das Kind nicht mal bei Mama im arm geschützt. 😦
    Klar wollen alle das neue Baby sehen, aber vergessen wie wichtig ruhe in der ersten Zeit ist.
    Da unsere Pflegekinder 1. erst mit 5, bzw 8 Monaten kamen, und 2. als drittes und viertes Kind gab es hier keine grosse Ruhepause.
    Sie mussten viel mit unterwegs. Aber ich habe sie immer im Tuch nahe bei mir getragen. So waren sie geschützt vor zuviel Blicken, und schlimmer noch, grabschenden Händen.
    Besuche, Verabredungen zu Hause haben wir in der ersten Zeit aufs minimum reduziert.
    Wichtig ist bei Ihnen besonders Verlässlich zu sein. Bedürfnisse gleich zu erfüllen. Aber auch das sollten alle Kinder erfahren.
    Also, im Prinzip habe ich meine Pflegekinder nicht anders Behandelt als meine leiblichen.
    Erst heute muss ich z.T. anders mit ihnen umgehen da sie durch ihre Erfahrungen in den ersten Wochen heute mit Verlustängsten leben oder Verhaltensauffälligkeiten zeigen.

    Wir leben in einer speziellen Situation.
    Aber im Alltag ist das unwichtig . Da sind es meine Kinder. ALLE !
    Und wer uns nicht kennt würde nie erahnen das wir eine Spezielle Familie sind .
    Eben nicht nur mit leiblichen Kindern.
    Oder eben mit Speziellen Kindern, mit speziellen Problemen.

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  5. Liebe Mamafür4, vielen Dank für Deine Worte. Es beruhigt mich zu lesen, dass es alles so prima laufen kann, die ein oder andere Hürde gehört wohl auch dazu. Aber das scheint ihr sehr gut zu packen, das ist toll!
    Allerliebste Grüße, FrauBitte

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  6. Genau diese Gedanken hatte ich neulich auch schon. Es heißt, sie brauchen besonders viel Liebe, aber gleichzeitig ist man ja keine „normale“ Familie (lt. Jugendamt). Ja darf ich es dann überhaupt zulassen, diesem kleinen Geschöpf meine ganze liebe zu schenken? Denn wir dürfen es ja nicht als Ersatz für ein eigenes Baby sehen. Werde ich auch niemals. Nur wenn ich diese Liebe schenke, könnten sie es denken, dass es für mich ein Ersatz ist? Komische Denkweise, ich weiß, aber das beschäftigt mich. Die anderen Antworten hier haben mir auch schon sehr geholfen.

    Liebe Grüße

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  7. In unserer Situation war es extreeeem hilfreich, dass wir ganze drei Monate sozusagen nur für uns waren, als Prinzessin zu uns kam (sie war ja bereits 3 jährig). Wir hatten in dem Jahr sehr viel Besuch aus meiner Heimat, ausser eben in diesen ersten drei Monaten. Im Rückblick bin ich sehr froh darüber! Es war eine der emotional intensivsten Zeiten, so vollgepackt mit Erlebnissen und Eindrücken, dass zusätzlich Gäste (in unserem Fall) definitiv zu viel gewesen wäre. Dies ist aber vielleicht etwas anderes, wenn du in deiner herkömmlichen Umgebung wohnst, Familie und Freunde in der Gegend sind und diese evtl mal eine, zwei Stunden vorbei gucken.

    Die Gedanken von „Das Leben ist kein Ponyhof“ bewegen mich irgendwie. Für mich bedeutet Adoption die totale Annahme, ohne wenn und aber! So lasse ich mir von aussen nicht aufschwatzen, was eine normale oder „ab-normale“ Familie sein sollte. Lass dir die Liebe nicht von solchen Definitionen zerstückeln. In meinen Augen geht es bei der Adoption nicht um einen Ersatz, sondern um genau die Liebe, die in meinem Herzen brennt und die darauf wartet ausgegossen zu werden! Meine Tochter ist kein Ersatz, meine Tochter ist ERSTE Klasse und hat alle Rechte (auch rechtlich gesehen) wie wenn sie mein biologisches Kind wäre. Daher – auch wenn viele Stimmen irgendwelchen Blödsinn quasseln – Prinzessin ist meine geliebte Tochter. Punkt.

    Alles Liebe und danke für die Gedankenanregung 🙂

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  8. bellaciao schreibt:

    Ehrlich gesagt: Wir haben uns darüber keine Gedanken gemacht. Wir haben unseren Pflegesohn im Alter von wenigen Stunden aus dem Krankenhaus abgeholt. Und in den Tagen danach kamen viele Freund*nnen, um ihn zu bestaunen. Wir sind mit ihm spazieren gegangen, U-Bahn gefahren, mein Freund hat mit ihm seine Kolleg*nnen im Büro besucht… Alles so, wie wir es mit einem leiblichen Kind auch getan hätten (wenn meine Verfassung nach der Entbindung es zugelassen hätte).
    Aber: Wir haben ihn die ersten sechs Monate (fast) ausschließlich getragen. Erst hatten wir keinen Kinderwagen (weil das Jugendamt uns quasi verboten hat, irgendetwas anzuschaffen, bevor er tatsächlich bei uns war) und dann hat er seeeehr laut und deutlich zu verstehen gegeben, dass Kinderwagen so gar nicht seins ist. Und egal ob leibliches Kind oder nicht: Ich finde den Kinderwagen in den ersten sechs Monaten komplett verzichtbar. Die Kleinen sind da noch so leicht und Tragen ist viiiiel schöner (und praktischer) als Schieben. Aber das ist Geschmacksache – ein Kind, das nie im Tragetuch war, kann sich genauso geliebt und geborgen fühlen wie ein Tragebaby!
    Unser Kind war von Anfang an viel bei Freund*nnen und Familie auf dem Arm und auch mal mit den Großeltern alleine. Als er ca. vier Monate alt war, haben wir uns das erste Mal eine Babysitterin geleistet und sind abends ausgegangen (na ja… die schnellste Pizza unsere Lebens essen). Ich fand es in meiner kinderlosen Zeit immer ganz schlimm, wenn ich zu Kindern von Freundinnen keine wirkliche Beziehung aufbauen konnte, weil die Mutter immer daneben stand und reingrätschte. Uns war es wichtig, dass unser Kind ein offener Mensch wird. Und dass wir als Paar Zeit für uns haben, außerhalb der eigenen vier Wände.
    Unser Weg ist sicher nicht der einzige. Bei Babys, die schon älter sind, ist es natürlich auch wieder ganz anders. Aber grundsätzlich denke ich: Man muss ja mit Pflege-/ Adoptiv- und allen übrigen Kindern nicht nach irgendwelchen Leitfäden oder Ratgebern leben, sondern so, dass man mit sich selbst im Reinen ist, oder?

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    • Liebe Bellaciao, ich verstehe total worüber Du schreibst und wahrscheinlich wäre das auch unser Weg bei einem leiblichen Kind gewesen…und vielleicht ist es auch unser zukünftiger Weg…ich weiß es nicht. Ich mache mir viele Gedanken und weiß nicht, welcher der richtige Weg für uns sein wird. Höchstwahrscheinlich macht all die Denkerei auch gar nicht so viel Sinn und letztlich wird unsere Intuition entscheiden, wie wir mit der Situation umgehen und vielleicht wird uns auch einfach unser Baby zeigen, was es braucht und was nicht. Wo ich Dir definitiv zustimmen kann: Ich will niemals eine Glucke werden, die ihr Kind nicht abgeben kann und in deren Welt sich alles ausschließlich ums Kind dreht. Aktuell fühlt es sich wie ein Spagat an, ob es wirklich einer wird, wird sich zeigen…
      Liebe Grüße, FrauBitte

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